Der Mensch steht seit jeher im Zentrum der Kunst – als Abbild, als Gegenüber, als Projektionsfläche. Die neue Ausstellung in der Neuen Siederei widmet sich der Darstellung des Menschen in all ihren Facetten: vom klassischen Porträt über das Selbstbildnis bis hin zu zeitgenössischen Formen der Selbstdarstellung in einer von Bildern geprägten Gegenwart.
Die gezeigten Arbeiten untersuchen den Menschen nicht nur als sichtbare Erscheinung, sondern als Träger von Identität, Geschichte, Emotion und Wandel. Porträts werden dabei zu Spiegeln innerer Zustände, zu Verdichtungen von Charakter und Zeitgeist. Zwischen Nähe und Distanz, Wiedererkennbarkeit und Verfremdung entstehen Bilder des Menschlichen, die mehr fragen als festschreiben.
Malerei als Spiegel innerer und mentaler Räume
Ein Teil der Ausstellung widmet sich der Malerei als introspektivem und bildreflexivem Medium.
Bei Anna Klüssendorf erscheint der Mensch in traumartigen, vielschichtigen Bildräumen. Ihre Arbeiten verbinden symbolistische und surreal wirkende Bildwelten mit einer reflektierten Malerei, die sich selbst immer wieder als Bild im Bild zeigt. Der Mensch wird hier weniger dargestellt als vielmehr psychologisch und narrativ verdichtet.
Auch Judith Grassl arbeitet mit einer stark prozesshaften Bildauffassung. Ihre collageartigen Bildräume zerlegen und rekonstruieren Fragmente aus unterschiedlichen Quellen. Der Mensch erscheint dabei nicht als Figur, sondern als Teil eines visuellen Gefüges aus Zeit, Erinnerung und Konstruktion.
Das Porträt im digitalen Zeitalter
Einen anderen Schwerpunkt setzt Max Weiss, der sich explizit mit digital geprägten Identitätsformen auseinandersetzt. Seine Porträts basieren auf Internetbildern und werden mittels Fototransfer und Malerei in neue Bildzustände überführt.
Die starke Reduktion der Gesichter verweist auf eine zentrale Frage der Gegenwart: Wie stabil ist Identität noch in einer Welt permanenter Bildzirkulation? Das klassische Porträt wird hier zu einer Oberfläche medialer Konstruktion.
Körper, Psyche und malerische Präsenz
Bei Künstler:innen wie Charlie Stein, Maria Justus und Liza Sivakova verschiebt sich der Fokus stärker auf Körperlichkeit, emotionale Zustände und psychologische Präsenz.
Charlie Stein arbeitet mit einer direkten, körpernahen Bildsprache, die traditionelle Vorstellungen von Identität und Schönheit hinterfragt und zugleich die Wechselwirkungen zwischen physischer Präsenz und digitaler Existenz untersucht. In ihrer multidisziplinären Praxis verbindet sie Malerei, Installation und theoretische Reflexion mit Einflüssen aus Technologie und KI, wodurch Arbeiten entstehen, die Intimität, Verkörperung und digitale Ästhetik in ein spannungsreiches Verhältnis setzen.
Maria Justus erforscht in ihrer medienübergreifenden Praxis die Übergänge zwischen Vergangenheit und Zukunft, indem sie Fragmente aus Erinnerung, Erfahrung und Geschichte kombiniert und in neue, vielschichtige Zusammenhänge überführt.
Liza Sivakova verbindet in ihrer malerischen Praxis Collage, Archivmaterial und persönliche Bildwelten zu vielschichtigen, transhistorischen Kompositionen. In diesen untersucht sie Macht, Erinnerung und gesellschaftliche Spannungen und schafft emotionale, oft ambivalente Szenen, die vertraute Bilder hinterfragen und neu lesbar machen.
Gemeinsam ist diesen Positionen eine Verschiebung des Porträts hin zu einer Untersuchung von Wahrnehmung, Körper und innerem Zustand.
Bild, Raum und gesellschaftliche Perspektiven
Eine weitere Gruppe von Künstler:innen erweitert die Fragestellung in Richtung Raum, Kontext und gesellschaftliche Strukturen.
Arne Grashoff untersucht das Verhältnis von Individuum und gesellschaftlichem Rahmen, indem er Fotografie in den Raum überführt und als körperlich erfahrbare, skulpturale Praxis neu denkt. In seinen Arbeiten verschränken sich Material, Bild und Körper zu hybriden Formationen, die Fragen von Identität, Wahrnehmung und Zugehörigkeit im Kontext sozialer und kultureller Systeme verhandeln.
Jan Rybnicek reflektiert die Konstruktion von Wirklichkeit im Bild und fragt nach der Stabilität von Wahrnehmung selbst. Seine surrealen, vieldeutigen Figurenkonglomerate bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion und eröffnen Räume, in denen Identität, Beziehung und Emotion als fluide und wandelbare Zustände erfahrbar werden.
Yuhao Chen verbindet persönliche Identität mit kulturellen Bildtraditionen und schafft poetische Bildräume zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Erinnerung. Durch die bewusste Auflösung von Identität zugunsten von Atmosphäre und Stimmung entstehen Werke, die Wahrnehmung als fließenden, vielschichtigen Prozess erfahrbar machen.
Miriam Ferstl arbeitet an der Schnittstelle von Sichtbarem und Unsichtbarem und untersucht in ihren installativen Arbeiten Prozesse innerer Transformation. Mit Materialien wie Glas, Fotografie und Textil schafft sie fragile Erfahrungsräume, in denen Wahrnehmung verlangsamt und neu ausgerichtet wird. Ihre Werke machen Übergänge, Brüche und Momente des Wandels sinnlich erfahrbar und eröffnen einen Zugang zum Porträt als innerem Zustand – jenseits von äußerer Erscheinung und klarer Form.
Bild als mediale und öffentliche Konstruktion
Bei Betty Mü schließlich wird das Porträt in den Kontext digitaler Öffentlichkeit und medialer Kommunikation gestellt. Ihre Arbeiten erweitern die klassische Bildlogik hin zu Fragen von Vernetzung, Sichtbarkeit und digitaler Selbstinszenierung.
Hier zeigt sich besonders deutlich, dass Identität heute nicht nur dargestellt, sondern aktiv produziert und verteilt wird.
Skulpturale Erweiterung des Porträts
Eine besondere Erweiterung erfährt die Ausstellung durch das Künstlerduo Torsten Mühlbach und Gregor Passens. Ihre kinetischen, spiegelnden Skulpturen transformieren den Raum selbst in ein Bildfeld. Durch Bewegung, Licht und Reflexion wird die Grenze zwischen Objekt und Betrachtenden aufgehoben. Das Porträt wird hier nicht mehr gezeigt, sondern entsteht im Moment der Wahrnehmung.
In der Zusammenschau wird deutlich, dass „Mirror, Mirror – Das Abbild und Ich“ kein einheitliches Bild des Menschen entwirft, sondern ein vielstimmiges Geflecht unterschiedlicher Perspektiven. Der Mensch erscheint hier als fragmentiertes, wandelbares und medial geprägtes Wesen, zwischen innerer Erfahrung, äußerer Darstellung und digitaler Konstruktion.
Gezeigt wird die Ausstellung erneut inmitten des modernen Bürokomplexes der Neuen Siederei, einem Ort des täglichen Kommens und Gehens von über 1.000 Menschen. Gerade hier entfalten die Arbeiten eine besondere Wirkung: Sie bringen den Blick auf den Menschen, auf das Gegenüber und auf das eigene Selbst mitten in den Alltag und laden dazu ein, innezuhalten, zu reflektieren und neu zu sehen.