Björn Weltbrandt Wallbaum

Björn Weltbrandt Wallbaum

* 1978 in Freiburg

Björn Weltbrandt Wallbaum, geboren 1978, begann seine künstlerische Laufbahn in der angewandten Kunst – im Theater und in der Oper, aber auch als Artdirector in Design- und Architekturbüros in München und Berlin. Diese interdisziplinären Erfahrungen prägen bis heute sein Werk. Sie schärften nicht nur seinen Blick für Raum, Material und Inszenierung, sondern führten auch zu einer künstlerischen Haltung, die Grenzen zwischen Medien, Gattungen und Stilen bewusst auflöst.

Weltbrandts Werk umfasst Malerei, Skulptur und Objektkunst. Sein Vorgehen ist konzeptionell, multimedial – und zugleich von einer eigentümlich romantischen Empfindsamkeit getragen. Die scheinbare Einfachheit seiner Arbeiten ist trügerisch: Sie öffnet den Betrachter für komplexe Fragen nach Wahrnehmung, Identität und Erinnerung. Oft entstehen Serien oder Werkreihen, die aufeinander aufbauen, sich gegenseitig kommentieren und variieren.

Weltbrandt bezeichnet seine Arbeit selbst als „autopictographisch“ – ein Begriff, der seine Bildsprache präzise beschreibt. Autopictographisch bedeutet: die Bilder erzählen vom eigenen Erleben, von der Selbstbeobachtung, aber nicht im Sinne eines autobiografischen Bekenntnisses. Vielmehr werden persönliche Erfahrungen zu universellen Metaphern, in denen sich viele Betrachter wiederfinden können.

„Wenn wir ehrlich sind“, sagt der Künstler, „reden wir in der Kunst doch immer über uns selbst und darüber, wie wir die Welt sehen.“ Diesen Gedanken übersetzt Weltbrandt in figürliche Szenarien, in denen Identität und Erfahrung miteinander verschmelzen. Seine Figuren verkörpern Anteile seiner selbst – zugleich aber auch archetypische, allgemein menschliche Zustände. Das Kindliche, Comichafte seiner Bildsprache unterstreicht diesen Gedanken: Es steht für Offenheit, Direktheit und emotionale Wucht, nicht für Naivität.

Seit zwei Jahren lebt der Künstler auf Mallorca – ein Ortswechsel, der seine Arbeit spürbar verändert hat. Sein Stil ist freier, prozesshafter, spielerischer geworden. Früher, so sagt er, sei seine Kunst stärker von der Bildhauerei geprägt gewesen: „Da musst du eine Idee haben, ihr folgen, da steckt viel Planung dahinter.“ Malerei hingegen sei unmittelbarer, prozesshafter – ein Werden im Tun.

Sich auf diesen offenen Prozess einzulassen bedeutet für Weltbrandt, alte Denkstrukturen – etwa aus der Innenarchitektur oder dem Bühnenbild – hinter sich zu lassen. Statt präziser Planung entsteht das Bild aus der Bewegung heraus. „Leichter, roher, vielleicht sogar dreckiger“ nennt er diesen Ansatz, und beschreibt damit ein zentrales Moment seines jüngeren Schaffens: das Zulassen von Unregelmäßigkeit, Spontaneität, Zufall.

Mit „dreckiger“ meint Weltbrandt keineswegs Nachlässigkeit, sondern eine bewusste Abkehr von glatter Gestaltung. Wo früher jede Linie kontrolliert war, darf Farbe heute fließen, sich setzen, Strukturen bilden, Unebenheiten zeigen. Die Materialität wird selbst Ausdrucksträger – eine Haltung, die Nähe zum sogenannten Bad Painting erkennen lässt, allerdings mit einer genuin persönlichen, prozessualen Handschrift.

In seinen neuen Arbeiten löst sich das Grafische zunehmend auf; Flächen werden freier, Formen offener. Weltbrandt sucht weniger nach Komposition als nach Reaktion – nach einem Dialog mit Farbe und Leinwand. Dabei entstehen Zwischenformen von figürlicher und abstrakter Malerei, in denen das eine ins andere übergeht.

Seine sogenannten „Potato Paintings“ markieren eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Form: Das immer wiederkehrende ovale Motiv – die „dumme, schöne Form“, wie er sie nennt – ist sowohl organisch als auch symbolisch. Aus der spielerischen Reduktion erwächst eine neue Form konzentrierter Expressivität. Gleichzeitig bleibt die Comic-Haftigkeit seiner Figuren präsent – ein Echo seiner Kindheit, in der er früh begann, Comics zu sammeln. Diese popkulturelle Ikonografie mischt sich mit existenziellen Themen, wodurch eine Spannung zwischen Alltäglichkeit und Transzendenz entsteht. Seine Figuren sind oft fragmentiert – Arme, Köpfe, Augen scheinen sich zu verselbstständigen. Sie stehen für die Erfahrung des Auseinanderfallens und Wiederzusammensetzens, für die permanente Bewegung und den Wandel der Persönlichkeit.

Mallorca prägt nicht nur die Farbigkeit, sondern auch das Denken des Künstlers. „Die Weite, die Freiheit, der Blick aufs Meer“ – das sei, so Weltbrandt, „etwas ganz anderes als München oder Berlin“. Diese Offenheit übersetzt sich in formale Lockerung, in ein Loslassen des Überlegten zugunsten des Geschehenlassens. Gleichzeitig bleibt das Thema des Fremdseinszentral. In der Kunst wie im Leben interessiert Weltbrandt das Auseinanderfallen, das Auflösen und Wiederzusammensetzen von Identität. Seine Figuren – oft zerlegt und im Fluss – spiegeln das Werden des Lebens selbst: ein ständiger Umbau, ein Prozess ohne Endpunkt.

„Auch ein abgebrochener Arm gehört dazu“, sagt er augenzwinkernd. „Das ist eben der normale Prozess des Lebens.“ Diese Haltung – das Akzeptieren des Bruchs als Teil des Ganzen – verbindet sich mit einem Grundton von heiterer Melancholie, einer eigentümlichen, heiteren Ernsthaftigkeit. Seine Figuren mögen zerlegt sein, aber sie sind, wie er betont, „immer fröhlich – sie meistern das alles ganz gut“.

Björn Weltbrandt Wallbaum ist ein Künstler, der die Grenzen zwischen Medien, Emotion und Material beständig neu auslotet. Seine Kunst ist introspektiv, aber nie narzisstisch; kindlich im Blick, aber komplex in der Konstruktion. Sie wurzelt in der Erfahrung des Alltäglichen und erhebt es in den Bereich des Poetischen.

Seine Malerei ist das Resultat eines permanenten Prozesses, eines inneren und äußeren Suchens. „Autopictographie“ bedeutet bei ihm nicht Selbstbespiegelung, sondern Selbstbefragung – ein fortgesetzter Versuch, das Menschliche in symbolische, zugleich humorvolle und berührende Bilder zu übersetzen.

Weltbrandt zeigt, dass Freiheit im Unperfekten liegt, dass spielerische Offenheit und ernsthafte Reflexion keine Gegensätze sind – und dass Kunst, in all ihrer Unordnung, vielleicht der präziseste Ausdruck eines gelebten Lebens ist.

Der Künstler lebt und arbeitet in München und Palma, Mallorca.

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20. April 2026 – 31. Juli 2026
· NEUE SIEDEREI, Taunusstr. 21, München
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